Oder Eine Welt ohne Likes und Shares.

Hand aufs Herz. Wann hast du dein Handy zuletzt entsperrt, ohne automatisch eine Social-Media-App zu öffnen? Nicht aus Reflex, nicht aus Langeweile, sondern wirklich mit einem konkreten Grund. Falls du kurz überlegen musstest, bist du vermutlich genau dort angekommen, mitten in einer Welt, in der soziale Medien längst kein Zusatz mehr sind, sondern fester Bestandteil unseres Alltags.

Sie informieren, verbinden, unterhalten und begleiten uns teilweise von morgens bis abends. Doch was wäre eigentlich, wenn es diese Plattformen nie gegeben hätte? Vielleicht wäre die Welt ruhiger. Vielleicht aber auch stiller. Und genau diese Vorstellung ist gleichzeitig beruhigend und irgendwie beunruhigend.

Als Internet noch bewusst gestartet wurde

Ich erinnere mich noch ziemlich gut an die Zeit, als Internet etwas war, das man aktiv gestartet hat. Man kam nach der Schule nach Hause, schaltete den Computer ein und hoffte, dass gerade niemand telefonierte. Dieses unverwechselbare Einwahlgeräusch war für viele der eigentliche Start in die digitale Welt.

Danach folgten ICQ oder MSN, in denen man oft einfach darauf wartete, dass bestimmte Menschen online kamen. Rückblickend kann man sich durchaus fragen, ob das bereits Social Media war. Technisch betrachtet wahrscheinlich schon, gefühlt aber wirkte es völlig anders. Man schrieb mit Menschen, die man tatsächlich kannte oder zumindest im echten Leben hätte treffen können. Es gab keine Algorithmen, die entschieden, welche Inhalte man sieht, und keine optimierten Posting-Strategien. Die wichtigste Voraussetzung für Kommunikation war schlicht, dass die andere Person online war.

Poke-Universum und die wahrscheinlich umständlichste Homepage der Welt

Genau in dieser Zeit begann für mich auch der Einstieg in die Welt der Webseiten. Zunächst entstanden Pokémon-Fanseiten, die später unter dem Namen „Poke-Universum“ liefen. Rückblickend war das vermutlich die umständlichste, aber gleichzeitig lehrreichste Art, eine Homepage zu gestalten.

Ich arbeitete komplett ohne Content-Management-Systeme. Jede Seite bestand aus einzeln geschriebenem HTML. Wenn ich das Menü ändern wollte, bedeutete das nicht eine zentrale Anpassung, sondern mehrere hundert einzelne Seiten zu öffnen, anzupassen, zu speichern und wieder hochzuladen. Vertippte ich mich dabei irgendwo, konnte ich von vorne beginnen und jede Seite einzeln korrigieren.

Effizient war das definitiv nicht. Aber es war eine Zeit, in der man Dinge ausprobierte, ohne ständig darüber nachzudenken, ob sie perfekt umgesetzt waren. Vielleicht entstehen viele Projekte genau deshalb, weil man zu Beginn gar nicht weiß, wie kompliziert sie eigentlich sind. Und es hat eine Menge Spaß gemacht. Das Backup hatte ich auf einem alten MP3 Player, welchen ich aber leider verloren hatte. In der heutigen Zeit mit tausend Backups in der Cloud gar nicht vorzustellen.

Aus diesem Projekt entwickelte sich später Blinzz, zunächst als Gaming-Seite, bevor nach einer längeren Pause im Jahr 2015 der Neustart erfolgte und sich die Seite immer stärker in Richtung Meinungsblog entwickelte. Ohne Internet und ohne digitale Communities wäre dieser Weg vermutlich ganz anders verlaufen oder vielleicht gar nicht entstanden.

Wie soziale Medien unseren Umgang mit Zeit verändert haben

Wenn man über eine Welt ohne soziale Medien nachdenkt, kommt schnell die Frage auf, wie sich unser Umgang mit Zeit verändert hätte. Früher gehörte Langeweile zum Alltag dazu. Sie war nicht unbedingt angenehm, aber oft der Ausgangspunkt für Kreativität. Heute wird jede freie Minute gefüllt, häufig durch Scrollen, Wischen oder das Konsumieren kurzer Inhalte.

Man verbringt Zeit online, ohne am Ende genau sagen zu können, womit man sie eigentlich verbracht hat. Vielleicht hätten wir ohne soziale Medien wieder häufiger gelernt, diese Momente auszuhalten. Vielleicht hätten wir mehr Hobbys entwickelt oder mehr Projekte begonnen, die aus reiner Neugier entstanden sind.

Beziehungen zwischen Nähe und Erreichbarkeit

Social Media verbindet Menschen auf der ganzen Welt. Das ist beeindruckend. Gleichzeitig ersetzt es manchmal echte Gespräche durch Likes, Emojis und Copy-Paste-Glückwünsche.

Man ist ständig erreichbar, aber nicht automatisch näher beieinander.

Der Druck, ein perfektes Leben zu zeigen

Soziale Medien zeigen meist nur ausgewählte Highlights, selten jedoch die weniger perfekten Momente. Nicht den Streit vor dem Urlaubsfoto. Nicht den Alltag zwischen den schönen Momenten. Trotzdem vergleichen wir unser komplettes Leben mit diesen kleinen Ausschnitten.

Das ist ungefähr so fair, wie ein Marathon gegen jemanden zu laufen, der Roller fährt.

Die Realität besteht nun einmal nicht aus permanenten Höhepunkten, sondern aus einer Mischung aus Alltag, Routine und gelegentlichen besonderen Momenten. Trotzdem entsteht schnell das Gefühl, das eigene Leben müsse genauso spannend aussehen wie das, was man online sieht.

Warum eine Welt ohne Social Media nicht automatisch besser wäre

Trotz aller Kritik wäre eine Welt ohne soziale Medien nicht automatisch besser. Viele gesellschaftliche Themen hätten ohne digitale Plattformen weniger Aufmerksamkeit erhalten, viele Freundschaften wären nie entstanden und zahlreiche kreative Projekte hätten kein Publikum gefunden.

Auch Blogs wie Blinzz profitieren letztlich davon, dass Inhalte heute einfacher verbreitet und diskutiert werden können. Soziale Medien sind daher weder ausschließlich Problem noch Lösung, sondern vielmehr ein Werkzeug, dessen Wirkung stark davon abhängt, wie wir es nutzen.

Die vielleicht wichtigere Frage

Vielleicht liegt die entscheidende Frage gar nicht darin, ob soziale Medien existieren sollten, sondern ob wir noch wissen, wie sich ein Leben ohne sie anfühlt. Ob wir Momente noch bewusst erleben können, ohne sie sofort zu teilen, und ob wir Stille noch als angenehmen Zustand wahrnehmen können.

Vielleicht sind soziale Medien nicht das Problem. Vielleicht ist es eher die Geschwindigkeit, mit der wir verlernt haben, offline zu sein.

Wenn Nostalgie plötzlich anklopft

Und dann schleicht sich irgendwann die Nostalgie ein. Die Erinnerung an ICQ-Sounds, an selbst gebaute Webseiten mit blinkenden Bannern, an Pokémon-Fanseiten und an lange Abende, in denen man versuchte, HTML-Code zu verstehen, während Upload-Fortschrittsbalken gefühlt eine Ewigkeit brauchten.

Technisch betrachtet war vieles umständlicher, aber vielleicht fühlte sich genau deshalb manches einfacher an. Ob das tatsächlich so war oder ob Nostalgie lediglich ein besonders guter Geschichtenerzähler ist, lässt sich schwer sagen.

Die Geschichten rund um Poke-Universum, HTML-Chaos, stundenlange Uploads und die frühen Internet-Erfahrungen wären vermutlich ohnehin ein eigenes Kapitel wert.

Aber das ist wahrscheinlich wieder ein anderes Thema. Für einen anderen Blogpost. An einem anderen Tag.

In diesem Sinne.

Euer Patrick