Ich glaube, wir schauen in die falsche Richtung.
Wir treten nach unten und wundern uns dann, warum sich nichts ändert.
Sobald es um Flüchtlinge oder Bürgergeld-Empfänger geht, kippt die Stimmung. Es wird genau hingeschaut, nachgerechnet, bewertet. Wer bekommt was? Wer hat sich das „verdient“? „Warum bekommen die das?“ „Für uns ist nie Geld da.“ „Irgendwer zahlt doch am Ende.“
Die Wut ist echt. Verständlich sogar. Alles wird teurer. Mieten explodieren. Lebensmittel, Strom, Tanken – alles steigt. Viele rackern sich ab und trotzdem hat man das Gefühl, immer noch auf der Stelle zu treten. Da sitzt Frust. Und Frust sucht sich ein Ziel.
Aber was mich irritiert, ist nicht die Wut selbst. Sondern wohin sie geht. Sie zeigt fast immer nach unten.
Wir diskutieren über einzelne Menschen, einzelne Bescheide, einzelne Beträge. Ob das gerecht ist. Ob es zu viel ist. Ob jemand das verdient hat. Wir vergleichen Handys, Fernseher, Streaming-Abos. Taschenrechner-Gerechtigkeit deluxe. Wenn das wirklich helfen würde, wäre die Welt schon fair. Spoiler: ist sie nicht.
Und währenddessen wächst oben Vermögen weiter. Konzerne melden Rekordgewinne. Firmen verschieben Milliarden. Menschen häufen Vermögen an, die wir uns kaum vorstellen können. Da wird es still. Da sagt kaum jemand: „Krass, wie viel die da haben.“ Plötzlich wirkt alles weit weg. Unantastbar. Normal.
Warum eigentlich?
Was ändert sich für mich, wenn ein Flüchtling oder ein Bürgergeld-Empfänger weniger bekommt? Wird meine Miete günstiger? Mein Konto voller? Oder fühlt es sich nur kurz gut an, weil man irgendwo jemanden „unten“ gefunden hat?
Gebt es uns wirklich besser, wenn es anderen schlechter geht? Oder tut es nur so, als hätten wir Gerechtigkeit hergestellt, während wir die Strukturen ignorieren, die uns selbst am meisten treffen?
Nach unten treten ist einfacher. Nach oben schauen ist anstrengender.
Nach unten sieht man Gesichter. Konkrete Fälle. Zahlen, die man anfassen kann. Sofort urteilen, empören, Meinung teilen. Nach oben ist alles abstrakter. Große Firmen. Große Summen. Dinge, die weit weg wirken. Und genau dort steckt der Kern vieler Probleme. Aber darüber reden? Lieber nicht. Ist ja kompliziert.
Vielleicht ist es auch Selbstschutz. Nicht ganz unten stehen, also gucken, wer noch schwächer ist. Oder Bequemlichkeit. Oder einfach das gute alte „Hauptsache, wir fühlen uns im Recht“.
Regt uns das wirklich auf, oder tut es nur so?
Warum regen uns einzelne Hilfen mehr auf als Summen, die in ganz anderen Größenordnungen existieren? Warum sehen wir den Flüchtling mit einem neuen Smartphone und drehen durch, während ein Konzern Milliarden verschiebt und wir kaum ein Wort sagen?
Solange wir unsere Energie nach unten richten, bleibt oben erstaunlich viel ungestört. Und unsere eigenen Probleme lösen sich dadurch nicht. Wir verschieben nur Druck weiter nach unten, klopfen uns kurz selbst auf die Schulter und wundern uns dann, warum es uns selbst nicht besser geht.

Jetzt bist du dran!
Regt dich ein Flüchtling oder ein Bürgergeld-Empfänger mehr auf als ein Konzern mit Rekordgewinnen?
Wenn ja. Warum?
Wenn nein. Warum reden wir dann so oft über das eine und so selten über das andere?
Gebt es uns wirklich besser, wenn es anderen noch schlechter geht? Oder ist das nur ein Gefühl, das uns kurz stark fühlen lässt?
Es ist nicht die Wut selbst, die das Problem ist. Sondern die Richtung, in die sie sich bewegt.
In diesem Sinne.
Euer Patrick
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